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„Die kleine Raupe nimmersatt“ | Kirchenkreis Egeln

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„Die kleine Raupe nimmersatt“

Im Mai starb hochbetagt der amerikanische Kinderbuchautor Eric Carle. Geboren wurde er 1929 in Syracuse im Staat New York. Seine Eltern waren Auswanderer aus Schwaben. Die Mutter bekam schweres Heimweh und so kehrte die Familie 1935 nach Deutschland zurück. Sie ahnten nicht, was sie erwartete. In Syracuse hatte der kleine Eric eine freundliche Lehrerin gehabt. In Stuttgart war die Schule geprägt von Befehl und Gehorsam. Lange Spaziergänge mit dem Vater durch die Natur mit Betrachtung der Gräser, Käfer und Raupen schufen einen Ausgleich. Doch 1939 kam das große Unglück: Der Vater wurde zum Kriegsdienst eingezogen. Er sollte erst 1947 als gebrochener Mann zurückkehren. Der Kunstlehrer Herr Kraus zeigte Eric heimlich das, was damals verboten war: Das blaue Pferd von Franz Marc, Farbwelten von Klee, Matisse und Picasso. Es war für den Jungen eine Offenbarung. Eric kannte als Kunst nur die Zeichnungen muskelbepackter Kämpfer. Als die Kinder wegen der Bombenangriffe fort von Stuttgart aufs Land verschickt wurden, wollte sein Freund Hermann unbedingt zu der Bäckerfamilie, zu der Eric geschickt werden sollte. Die Jungen tauschten die Adressen. Aber Hermann hatte Pech. Er musste in eine ungeheizte Kammer und bekam nie ein Extra-Brot. Eric kam zu der fürsorglichsten Familie, die man sich nur vorstellen kann. Mit 15 wurde Eric zum Westwall abkommandiert, die Jugendlichen sollten Panzergräben ausheben. Er erlebte, wie grausam sowjetische Gefangene behandelt wurden. Zu essen gab es kaum etwas. Wegen Hautausschlag wurde er nachhause geschickt. Nach dem Krieg studierte er Kunst in Stuttgart, lernte die Collagetechnik kennen, die ihn sein Leben lang begleitet hat. Mit ein paar Dollar in der Tasche ging er zurück in die USA. Er bekam eine Stelle bei der New York Times, arbeitete als Werbegrafiker. Eine Annonce mit einem Hummer war so gelungen, dass man ihm vorschlug, Kinderbücher zu gestalten. „Brauner Bär, was siehst du?“ war das erste, und es enthält seine Version vom blauen Pferd. 1968 brachte er sein erstes eigenes Buch heraus: „Die kleine Raupe Nimmersatt“. Sie frisst sich von Tag zu Tag durch zahlreiche Lebensmittel, wird dick und rund,  spinnt sich in ihren Kokon ein, um sich dann in einen schönen Schmetterling zu verwandeln. Natürlich können Kinder mit dem Buch die Wochentage  und die Zahlen erlernen.
Auf einer tieferen Ebene ist es eine Hoffnungsgeschichte:  Viele Kinder haben es schwer. Sie werden übersehen, fressen ihre Sorgen in sich hinein.  Aber am Ende können sie doch ihre Talente entfalten und werden frei wie ein Schmetterling. Der Schmetterling ist auch ein starkes Symbol für das, was die Kirche Ewigkeit und ewiges Leben nennt. Im Altgriechischen bezeichnet das Wort „Psyche“ die Seele und ebenso den Schmetterling. Auf der Erde lebt der Mensch unter vielen Mühen. Fast wie eine Raupe. Die Raupe spinnt sich ein in den Kokon. Wie ein Grab mutet das kleine Haus an. Und die Verwandlung geschieht. Der Schmetterling erhebt sich frei und ohne Sorgen. Der Apostel Paulus hat davon geschrieben, dass es bei unserem Sterben auch so sein wird (1. Korintherbrief Kapitel 15): „Der Mensch wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht erben. Wir werden alle verwandelt werden“. Die Verwandlung der Raupe in den Schmetterling hilft uns zu verstehen, wie das gemeint ist. Ich halte nach Schmetterlingen Ausschau.  

Ihr Pfarrer Theo Spielmann (Pfarrbreich Hadmersleben)